Grundbuch: Aufbau, Abteilungen und Musterauszüge erklärt

von user

Das Grundbuch beantwortet drei Fragen: Wem gehört ein Grundstück, wer darf es nutzen, und wer hat Ansprüche darauf. Wer eine Immobilie kauft, erbt oder finanziert, kommt daran nicht vorbei.

Was das Grundbuch ist

Es ist ein öffentliches Register, geführt vom Grundbuchamt beim zuständigen Amtsgericht. Jedes Grundstück in Deutschland hat dort ein eigenes Blatt.

Entscheidend ist der öffentliche Glaube nach § 892 BGB: Was in den drei Abteilungen steht, gilt gegenüber gutgläubigen Dritten als richtig und vollständig. Wer im Vertrauen darauf erwirbt, wird geschützt – selbst wenn der Eintrag fehlerhaft war.

Eine wichtige Einschränkung: Das Bestandsverzeichnis genießt diesen Schutz nicht. Angaben zu Größe und Lage stammen aus dem Kataster – wer sich darauf verlässt, ist nicht geschützt. Wer genaue Grenzen braucht, muss ins Liegenschaftskataster schauen.

Einsehen darf es nicht jeder. Erforderlich ist ein berechtigtes Interesse – das haben Eigentümer, Kaufinteressenten mit ernsthafter Absicht, Erben, Gläubiger, Notare und Banken. Bloße Neugier genügt nicht.

Der Aufbau: Aufschrift und drei Abteilungen

TeilInhalt
AufschriftAmtsgericht, Grundbuchbezirk, Blattnummer
BestandsverzeichnisLage, Größe, Flurstück, Wirtschaftsart
Abteilung IEigentümer und Grundlage des Erwerbs
Abteilung IILasten und Beschränkungen
Abteilung IIIGrundpfandrechte: Hypotheken und Grundschulden

Bestandsverzeichnis

Hier steht, um welches Grundstück es überhaupt geht – identifiziert über Gemarkung, Flur und Flurstück. Die Angaben stammen aus dem Liegenschaftskataster.

Lfd. Nr.Gemarkung, Flur, FlurstückWirtschaftsart und LageGröße
1Glienicke, Flur 3, Flurstück 127/4Gebäude- und Freifläche, Ahornweg 120,0642 ha

Die Größe wird in Hektar, Ar und Quadratmetern geführt. 0,0642 ha entsprechen 642 Quadratmetern.

Abteilung I – Eigentümer

Lfd. Nr.EigentümerGrundlage der Eintragung
1Müller, Hans, geb. 14.03.1958Auflassung vom 12.05.2009, eingetragen 03.07.2009
2Müller, Hans und Müller, Anna, je zur HälfteAuflassung vom 08.02.2018, eingetragen 21.03.2018

Bei mehreren Eigentümern steht dort das Verhältnis: je zur Hälfte bedeutet Bruchteilseigentum, in Erbengemeinschaft oder in Gütergemeinschaft bezeichnen andere Formen mit anderen Folgen für Verkauf und Belastung.

Die Auflassung ist die notariell beurkundete Einigung über den Eigentumsübergang. Sie ist nicht mit dem Kaufvertrag identisch – das Eigentum wechselt erst mit der Eintragung.

Abteilung II – Lasten und Beschränkungen

Diese Abteilung wird beim Immobilienkauf am häufigsten übersehen – und verursacht die meisten bösen Überraschungen.

Lfd. Nr.Eintragung
1Wegerecht für den jeweiligen Eigentümer des Flurstücks 127/5
2Leitungsrecht für die Stadtwerke Musterstadt GmbH
3Wohnungsrecht für Müller, Erna, geb. 02.09.1931, lebenslang
4Vorkaufsrecht für die Gemeinde Musterstadt

Wegerecht: Der Nachbar darf über Ihr Grundstück fahren oder gehen. Das lässt sich nicht einseitig beenden.

Leitungsrecht: Ein Versorger darf Leitungen unterhalten und zur Wartung das Grundstück betreten. Eine Bebauung über der Leitung ist meist ausgeschlossen.

Wohnungsrecht oder Nießbrauch: Häufig bei Übertragungen innerhalb der Familie. Die berechtigte Person darf lebenslang wohnen bleiben – auch nach einem Verkauf. Das mindert den Wert erheblich.

Vorkaufsrecht: Gemeinden haben es in bestimmten Gebieten. Ein Kaufvertrag kann dadurch platzen.

Hier steht außerdem ein Insolvenzvermerk, eine Zwangsversteigerungsanordnung oder die Auflassungsvormerkung, die einen Käufer zwischen Vertragsschluss und Eigentumsumschreibung absichert.

Abteilung III – Grundpfandrechte

Lfd. Nr.BetragEintragung
1250.000,00 €Buchgrundschuld ohne Brief für die Sparkasse Musterstadt, 15 % Jahreszinsen, eingetragen 21.03.2018
240.000,00 €Buchgrundschuld ohne Brief für die Musterbank AG, eingetragen 04.11.2022

Der eingetragene Betrag ist nicht die Restschuld. Er nennt den Höchstbetrag, für den das Grundstück haftet. Ein Darlehen kann längst zur Hälfte getilgt sein, während die Grundschuld weiterhin über die volle Summe eingetragen bleibt.

Die 15 Prozent Zinsen irritieren viele. Sie haben nichts mit dem Darlehenszins zu tun, sondern sichern der Bank im Verwertungsfall Verzugszinsen und Kosten. Das ist üblich und kein Warnsignal.

Der Rang entscheidet. Bei einer Zwangsversteigerung wird nach Reihenfolge bedient: erst Nummer 1, dann Nummer 2. Deshalb verlangen Banken bei einer Baufinanzierung meist den ersten Rang – und deshalb ist ein nachrangiges Darlehen teurer.

Grundbuch und Grundakte

Das Grundbuchamt führt zwei Dinge nebeneinander, die oft verwechselt werden.

GrundbuchGrundakte
Auskunft über die RechtsverhältnisseAuskunft über die Rechtsgrundlagen der Eintragungen
Aufschrift, Bestandsverzeichnis, drei AbteilungenUrkunden, Bewilligungen, Verfügungen, Schriftwechsel

Im Grundbuch steht, dass ein Wegerecht besteht. In der Grundakte steht, wie es zustande kam und welchen genauen Inhalt die Bewilligung hatte. Bei unklaren Einträgen führt der Weg deshalb in die Grundakte.

Positive und negative Publizität

Positive Publizität: Eingetragene Rechte gelten als bestehend. Ein gutgläubiger Dritter kann sie erwerben, auch wenn sie tatsächlich nicht mehr bestehen – etwa eine Hypothek, deren Darlehen längst getilgt ist.

Negative Publizität: Was eingetragen werden müsste, aber nicht eingetragen ist, gilt als nicht bestehend. Wer ein Recht nicht eintragen lässt, verliert es gegenüber einem gutgläubigen Erwerber.

Der Schutz entfällt in zwei Fällen: wenn dem Erwerber die Unrichtigkeit bekannt war, oder wenn ein Widerspruch eingetragen ist (§§ 894, 899 BGB). Der Widerspruch ist der öffentliche Protest gegen einen Eintrag – etwa wenn ein später gefundenes Testament einen anderen Erben ausweist. Er wird in der Abteilung eingetragen, in der das strittige Recht steht; Widersprüche gegen Abteilung I kommen in Abteilung II.

Wie ein Eintrag zustande kommt

Drei Schritte sind nötig:

SchrittForm
Einigung (§ 873 BGB)dingliche Einigung zwischen Eigentümer und Begünstigtem, notariell beurkundet
Antrag (§ 13 ff. GBO)formfrei, von jedem Beteiligten möglich
Bewilligung (§ 19 ff. GBO)öffentlich beglaubigt, stets durch den, dessen Recht eingeschränkt wird

Die Bewilligung erteilt also jeweils der Belastete: Bei der Bestellung einer Grundschuld der Eigentümer, bei der Löschung die Bank als Gläubigerin, bei der Eigentumsübertragung der Verkäufer.

Das Rangverhältnis im Detail

Bei einer Zwangsvollstreckung entscheidet der Rang über die Reihenfolge der Befriedigung. Dafür gelten drei Regeln (§ 879 BGB):

  1. Locus-Prinzip: In derselben Abteilung entscheidet die Reihenfolge der Eintragung – laufende Nummer 1 vor Nummer 2.
  2. Tempus-Prinzip: In verschiedenen Abteilungen entscheidet das frühere Datum.
  3. Bei gleichem Datum in verschiedenen Abteilungen haben die Rechte gleichen Rang.

Gehen mehrere Anträge ein, entscheidet der Zeitpunkt des Antragseingangs – festgehalten mit Datum und Uhrzeit (§ 45 GBO).

Rangänderung (§ 880 BGB) ist nachträglich möglich: Sie erfordert die Einigung der Betroffenen, die Eintragung und – wenn Abteilung III betroffen ist – die Zustimmung des Eigentümers.

Rangvorbehalt (§ 881 BGB): Der Eigentümer kann sich bei einer Eintragung den Rang für später einzutragende Rechte freihalten – praktisch, wenn eine weitere Finanzierung absehbar ist.

Die Lasten der Abteilung II im System

ArtRechtsgrundlageMerkmal
Grunddienstbarkeit§ 1018 ff. BGBzugunsten des jeweiligen Eigentümers eines anderen Grundstücks
Beschränkt persönliche Dienstbarkeit§ 1090 ff. BGBzugunsten einer bestimmten Person oder Firma, nicht übertragbar, nicht vererbbar
Nießbrauch§ 1030 ff. BGBalle Nutzungen, nicht übertragbar, nicht vererbbar
Reallast§ 1105 ff. BGBwiederkehrende Leistungen aus dem Grundstück

Bei der Grunddienstbarkeit spricht man vom herrschenden und vom dienenden Grundstück. Das Wegerecht belastet das dienende Grundstück – dort wird es in Abteilung II eingetragen. Beim herrschenden Grundstück kann es auf Antrag als Recht im Bestandsverzeichnis vermerkt werden.

Wie stark die Wertminderung ausfällt

BelastungWirkung auf den Beleihungswert
Leitungsrecht für einen Versorgermeist geringfügig
Recht auf einen Hochspannungsmaststark wertmindernd, verhindert Bebauung
Wegerechtje nach Lage und Nutzungsart
Wohnrechtnach Mietwert und Lebenserwartung der Berechtigten
Abbaurecht für Sand oder Kiesals Kreditsicherheit meist ungeeignet
Vorrangiger Nießbrauchfür eine Beleihung nicht geeignet

Der Nießbrauch ist der kritischste Fall. Ein Grundstück mit vorrangigem Nießbrauchrecht taugt nicht als Kreditsicherheit. Die Bank müsste verlangen, dass der Nießbraucher einer Rangänderung zu ihren Gunsten zustimmt – wozu er nicht verpflichtet ist.

Die Wertminderung durch Wohnrecht und Nießbrauch wird durch Kapitalisierung ermittelt: Der künftige Mietwert wird über die statistische Lebenserwartung der berechtigten Person abgezinst.

Ein typischer Fall aus der Praxis

Eltern übertragen das Haus zu Lebzeiten auf ein Kind. Zur Absicherung lassen sie sich eintragen: ein Wohnrecht und daneben eine Reallast über eine monatliche Zahlung.

Die Reallast wird häufig an den Verbraucherpreisindex gekoppelt. Steigen die Lebenshaltungskosten um zehn Prozent, erhöht sich die monatliche Zahlung entsprechend. Für das Kind bedeutet das eine dauerhafte Verpflichtung, die den Wert der Immobilie erheblich mindert.

Hypothek oder Grundschuld?

HypothekGrundschuld
Bindung an das Darlehenja, sinkt mit der Tilgungnein, bleibt bestehen
Wiederverwendbarneinja
Praxis heuteseltenRegelfall

Die Grundschuld hat sich durchgesetzt, weil sie flexibel ist. Nach vollständiger Tilgung kann sie stehen bleiben und später für ein neues Darlehen genutzt werden – das spart Notar- und Grundbuchkosten.

Wer sie dennoch löschen lassen will, braucht eine Löschungsbewilligung der Bank und einen Notar. Die Kosten richten sich nach der Höhe der Grundschuld, nicht nach der Restschuld.

Einsicht und Auszug

ArtMerkmal
Einfacher AuszugAbschrift ohne Beglaubigung
Beglaubigter Auszugamtlich bestätigt, für Banken und Behörden
Unbeglaubigter Ausdruckmeist ausreichend für die eigene Prüfung

Beantragt wird beim Grundbuchamt des Amtsgerichts, in dessen Bezirk das Grundstück liegt. Notare und Banken haben elektronischen Zugriff. Die Gebühren liegen im niedrigen zweistelligen Bereich.

Beim Erbfall ist die Berichtigung innerhalb von zwei Jahren nach dem Todesfall gebührenfrei. Danach fallen Kosten an – ein Grund, den Erbschein oder ein notarielles Testament zügig vorzulegen.

Worauf Käufer achten sollten

Lassen Sie sich einen aktuellen Auszug geben, nicht den vom Vorjahr. Zwischen Vertragsanbahnung und Beurkundung kann sich einiges ändern.

Prüfen Sie Abteilung II Zeile für Zeile. Ein Wohnungsrecht oder ein Wegerecht mindert den Wert und lässt sich nach dem Kauf nicht beseitigen.

Achten Sie auf gerötete Einträge. Rot unterstrichen oder durchgestrichen bedeutet gelöscht. Sie bleiben lesbar, damit die Geschichte nachvollziehbar ist – gelöschte Lasten gelten nicht mehr.

Klären Sie, ob Grundschulden aus Abteilung III gelöscht oder übernommen werden. Beides ist möglich und gehört in den Kaufvertrag.

Der Ablauf beim Kauf

  1. Notarielle Beurkundung des Kaufvertrags
  2. Eintragung der Auflassungsvormerkung in Abteilung II – sie sichert Ihren Anspruch
  3. Eintragung der Grundschuld für die finanzierende Bank in Abteilung III
  4. Zahlung des Kaufpreises nach Fälligkeitsmitteilung des Notars
  5. Umschreibung des Eigentums in Abteilung I
  6. Löschung der Auflassungsvormerkung

Zwischen Beurkundung und Eigentumsumschreibung vergehen oft mehrere Monate. Die Auflassungsvormerkung schützt Sie in dieser Zeit davor, dass der Verkäufer anderweitig verfügt.

Fazit

Das Grundbuch ist kein Formalismus, sondern die Grundlage jedes Immobiliengeschäfts. Wer die drei Abteilungen lesen kann, erkennt binnen Minuten, was ein Grundstück wert ist und welche Verpflichtungen daran hängen.

Aus Sicht der Marktteilnehmer wird Abteilung II am häufigsten unterschätzt. Grundschulden in Abteilung III lassen sich löschen – ein lebenslanges Wohnungsrecht nicht.

Weitere Beiträge: Baufinanzierung, Erbschein und Finanzwissen.

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Die Musterauszüge sind vereinfachte Beispiele zur Veranschaulichung. Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Rechtsberatung dar.

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